Melchior Imboden, Porträt von René Burri, 1999

Melchior Imboden, Porträt von René Burri, 1999
© Melchior Imboden

Der große Schweizer Fotograf René Burri im Porträt

Dem Schweizer Fotografen René Burri konnte man, in Anlehnung an Robert Capas Zitat in Bezug auf ein gelungenes Foto, weiß Gott nicht vorwerfen, nicht nah genug am Leben dran gewesen zu sein. Burri war ein Mann der Praxis, der sich neugierig mit seiner Kamera, die er auch als sein drittes Auge bezeichnete, dem Leben in all seinen Facetten näherte. Kriegsfotografien, einfühlsame Bildreportagen, zeitlose Porträts, aber auch Architekturaufnahmen bilden sein einzigartiges Werk.

Seine Porträts von Winston Churchill, den der erst 13jährige Burri 1946 in Zürich mit der Kamera seines Vaters fotografiert hatte, oder Ernesto Che Guevara, den der Fotograf während eines mehrstündigen Interviews dokumentierte, haben Fotogeschichte geschrieben. Aus insgesamt sechs belichteteten Filmen ist im Havanna des Jahres 1963 eine einzigartige Bildserie von Che Guevara entstanden – eine dieser Aufnahmen ist zur Ikone geworden. Neben der weltberühmten Fotografie von Alberto Korda, ist die Aufnahme von Burri das sicherlich am häufigsten reproduzierte Bild des Revolutionärs. Burri hatte Jahrzehnte später sein Bild des selbstbewussten Che in Anspielung an dessen Popularität jedoch scherzhaft als eine schwere Kugel am Bein bezeichnet – Weltruhm kann auch belasten.

Aufgrund der Vielfalt seines Werkes ist Burri als Fotograf schwer einzuordnen. Das Ideal eines humanen, einfühlsamen und respektvollen Bildjournalismus ist Leitbild seines Schaffens gewesen. In den 1950er Jahren ausgebildet an der Zürcher Kunstgewerbeschule von Joahnnes Itten, Hans Finsler und Alfred Willimann, war Burri bereits in jungen Jahren mit einem strengen Bildformalismus in Berührung gekommen.

René Burri, San Cristobál, Mexiko, 1976

René Burri, San Cristobál, Mexiko, 1976
© René Burri / Magnum Photos Museum für Gestaltung Zürich, Grafiksammlung

Bis zu seinem Lebensende soll er diesem gegenüber sehr kritisch eingestellt gewesen sein. Er konnte einen Einfluss auf sein Werk dennoch nicht verleugnen. So ist die strenge Geometrie in einem seiner berühmtesten Fotos, Men on a Rooftop, San Paulo, 1960, sicherlich auch dem Einfluss des Formalisten Finslers geschuldet. Strenge postmoderne Architektur faszinierte Burri. Von ihren Schöpfern wie Le Corbusier oder Oscar Niemayer hat er zeitlose Porträts geschaffen.

Im Jahr 1959 wurde Burri Vollmitglied der legendären Agentur Magnum Photos. Die weltbesten Fotografen hatten sich am 27. April 1947 zusammengetan, um mit ihrer ungestümen Lust auf Leben, mit Mut und Verantwortungsgefühl, authentische sowie lebensnahe Fotografien aus aller Welt zusammenzutragen. Das unbeirrt fortgeführte Wirken der Agenturfotografen weist bis in die Gegenwart eindrucksvoll auf weltweite Missstände, Ungerechtigkeiten und Leid hin. Empfohlen hatte sich Burri bereits 1955 mit einer sehr einfühlsamen Bildreportage über taubstumme Kinder, die in der Zeitschrift Life veröffentlicht wurde. Einer der vier Gründer der Agentur, Henri Cartier Bresson, der auch vielfach als Erfinder der Street Photography bezeichnet wird, sollte der wichtigste Mentor Burris werden.

René Burri, Havanna, Kuba, 1987

René Burri, Havanna, Kuba, 1987
© René Burri / Magnum Photos Museum für Gestaltung Zürich, Grafiksammlung

Ein weiteres Gründungsmitglied, David Seymour, kurz „Chim“ genannt, schickte Burri 1956, kurz nach Abschluss seines Studiums, nach Ägypten, um die Sueskrise zu dokumentieren. Beinahe wurde er auf dieser heiklen Mission getötet.

Für René Burri folgten Einsätze in nahezu allen Krisengebieten jener Zeit, Reisen auf fast jeden Kontinent, aber auch Porträts namhafter Künstler wie Pablo Picasso, Alberto Giacometti, Jean Tinguely, Yves Klein, Pablo Casals, Patricia Highsmith oder Jean Renoir. Einzelne Dokumentarfilme u.a. „The Two Faces of China“, „Jean Tinguely“ oder „Indian Summer“ ergänzen sein Werk.

Unter den zahlreichen Publikationen ist Burris erster Bildband „Die Deutschen“ aus dem Jahr 1962 – ein Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer – hervorzuheben. Es gilt als eines der besten Fotobücher der Geschichte. Das monumentale Werk bildet ein einzigartiges Sittengemälde und hat bis heute, aufgrund seiner gelungenen Darstellung des geteilten Deutschlands sowie seiner politisch neutralen Perspektive, zwingende Gültigkeit. Auch in diesem Werk zeichnet sich Burri durch seinen äußerst menschlichen Blick, der ein vorwiegend schwermütiges Zeitbild des Frontstaats Deutschland zeigt, aus.

Neben Werner Bischof war René Burri sicherlich einer der profiliertesten Schweizer Bildjournalisten. Zeitlebens war er ein Nutzer von Leica Kameras, auch der digitalen Version hat er sich gegenüber nicht verschlossen. Folglich stand er im Gegensatz zu manchem Zeitgenossen der digitalen Fotografie positiv gegenüber und betonte in zahlreichen Interviews dessen Vorteile. Der im Jahr 1998 an ihn verliehene „Dr. Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie sowie der „Swiss Press Photo Life Time Achievment Award 2011 würdigten sein Schaffen. Zahlreiche internationale Ausstellungen tragen seine Bilder in die Welt. René Burri lebte mit seiner Familie bei Paris und in Zürich. Am 20. Oktober 2014 ist er im Alter von 81 Jahren verstorben.

LINK René Burri /MAGNUM

Weitere Beiträge

nach oben